Mein älterer Sohn hatte vor einigen Jahren im Mathematik-Unterricht das Thema „Münzen und Scheine“. Zweite Klasse. An einem Nachmittag komme ich nach Hause und meine Frau sagt zu mir: „Schatz, hier steht was im Hausaufgabenheft. Du sollst Frau Patrick anrufen.“ Also rufe ich Frau Patrick, die Mathelehrerin an. Und mir offenbart sich, wie es um die finanzielle Bildung an Schulen steht.

„Der Fünfhunderter ist mein Lieblingsschein“ – finanzielle Bildung am Küchentisch

Frau Patrick, sagt: „Wir haben heute über Geld gesprochen. Und das haben Sie vielleicht im Matheheft schon gesehen, wir hatten diese Münzen zum Ausdrücken aus Schablonen und die Scheine. Alle Münzen und die Fünfer, Zehner und Zwanziger.“

Ich ahne, was jetzt kommen wird. Und denke mir, dass es gut ist, dass gerade ich das Telefonat führe. „Er hat gesagt, er mag den Fünfhunderter so gerne, stimmt‘s?“, frage ich fröhlich.

Frau Patrick: „Warum mag er den denn so gerne?“ Ich überlege kurz und antworte „Frau Patrick, Sie wissen ja, was ich mache. Deshalb reden wir zuhause auch öfter über Geld, und einmal wollte mein Sohn alle Geldscheine sehen. Dann haben wir uns gemeinsam an den Küchentisch gesetzt und ich habe alle Banknoten feinsäuberlich ausgebreitet, die es gibt, auch den Fünfhunderter.“

Großes Geld ist auch etwas für kleine Kinder

Ich halte es für pädagogisch den richtigen Weg, einem Kind auch die großen Scheine zu zeigen, wenn es um finanzielle Bildung geht. Denn Kinder lernen in diesem Fall, dass große Geldscheine auch schon etwas für sie sind. Denn sie sollten nach meiner Meinung von klein auf lernen, dass Geld, auch großes Geld, wichtig für sie ist. Ein paar Jahre später tun sie dann ganz selbstverständlich etwas dafür, dieses Geld zu verdienen.“

Was bedeutet es, wenn finanzielle Bildung in der Schule vermittelt wird?

Wer bin ich nach dieser Ansage in den Augen der Lehrerin? Ein Protzer, der so im Geld schwimmt, dass er achtlos mit den Fünfhundertern beim Spielen mit seinen Kindern um sich werfen kann? Oder ein arroganter Geldschnösel, der einer Lehrerin, erklären will, wie ihr Matheunterricht aussehen soll?

Das wäre kein Wunder, denn Protzer, Schnösel und Geldhaie sind in unserer Gesellschaft weit verbreitete negative Beschreibungen für Menschen mit viel Geld – was nicht gerade dazu beiträgt, dass man zu dieser Gruppe gehören will.

Wir lernen einfach nirgends Geld, eben leider auch nicht in der Schule, und die meisten von uns wissen dementsprechend auch nicht, wie das mit dem Geld geht.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn wir diese finanzielle Nicht-Bildung in den Schulen beenden würden. Was wäre, wenn eine gute Haltung zu Geld und ein gutes Geldverhalten überall in den Schulen gelehrt würde?

Im gesamten Unterrichtsleben eines Schülers finden nur 10 Stunden zum Thema Geld statt

Ich habe mir die Lehrpläne aller 16 Bundesländer von der 1. bis zur 13. Klasse angeguckt. Dabei ist mir die Misere noch viel deutlicher geworden. Was ich vorher nur durch meinen Sohn und meine eigenen rudimentären Erinnerungen an die Schule kannte – ich habe 1997 Abitur gemacht und mit dem Jurastudium begonnen –, zeigte sich jetzt auf dem Papier der Lehrpläne mit einem weitaus erschreckenderen Ergebnis: Im gesamten Unterrichtsleben eines deutschen Schülers finden ungefähr 10 Unterrichtsstunden zum Thema Geld statt. Und das im Mathematikunterricht der 2. Klasse.

Finanzielle Bildung: Eine bemerkenswerte Katastrophe

Dass wir in diesem Lebensbereich nichts außer in diesen paar Grundschulstunden lernen, somit schulisch mit dem Thema Geld komplett allein gelassen werden, ist, da wir in einem kapitalistischen System leben, ein bemerkenswerter Fakt. Inzwischen denke ich, es ist eine Katastrophe.

Es gibt keine Lehre zu Geld – das unsere Welt regiert. Über Geld, das die Basis unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems ist. Über Geld, ohne das wir nicht überleben und gesund bleiben würden, ohne dass wir nicht genug zu essen und ein Dach über dem Kopf hätten. Über Geld, das rauf und runter die Menschen beschäftigt, das Exzesse an den Finanzmärkten, Korruption, Lügen und Skandale auslöst. Über Geld, das Menschen zu Mord und Krieg anstiftet und eine Gier entfacht, die neben einzelnen Menschen auch Unternehmen und ganze Länder in den Ruin treibt oder Einzelne zu Multimilliardären macht. Natürlich ist es nicht das Geld, das all das tut, sondern das, was wir aus dem Geld machen; also das, was wir selbst dem Geld zuschreiben.

Von einem kompetenten Umgang mit Geld sind wir meilenweit entfernt

Wir sind bisher im Bildungssystem und damit als Gesellschaft insgesamt meilenweit von einem selbstverständlichen und unvoreingenommenen Umgang mit Geld entfernt. Und wundern uns, also ich, warum nur so wenige Menschen wirklich vermögend sind.

Wenn man danach geht, wie sehr Geld unser Leben, die Politik und alle Arten von Entscheidungen in der Welt beherrscht, müsste Geld ein eigenes wichtiges Schulfach sein. Wie Mathematik. Wie Deutsch. Wie Englisch und Biologie. Stattdessen ist es nur ein Anhängsel im Matheunterricht der ersten oder zweiten Klasse.

Doch nicht nur das Thema Geld und Finanzen an und für sich ist auf den Lehrplänen vergessen worden. Dazu würden ja auch noch mehr (Lebens-) Themen gehören: Rente, Steuern, Sparen, Spenden, Zinsen, Börse, Bilanzen-Lesen. Aber auch Kommunikation, Rhetorik, Persönlichkeitsentwicklung, Verhandeln.

Finanzielle Bildung gehört in die Schulen

Aber anstatt uns weiterhin über das Schulsystem aufzuregen, können wir uns auch fragen, was wir selbst tun können.

Eine gute finanzielle Bildung sollte für möglichst viele Erwachsene zugänglich sein, aber auch schon für Jugendliche. Darum freue ich mich auch jedes Mal sehr, wenn Eltern ihre Kinder ab 14 Jahren mit zu uns in die Finanzausbildung bringen. Ein Teilnehmer sagte dazu mal: „Dieses Seminar ist für die Entwicklung meines Sohnes wichtiger als die gesamte Schulbildung der letzten acht Jahre.“

Du kannst nichts dafür – aber du kannst dich noch weiterbilden

Wie auch immer dein Weg zu mehr Geldkompetenz aussehen mag: Das Wichtigste am Ende meiner Gedanken über die Lücke in der finanziellen Bildung ist, dass wir es nicht lernen konnten. Die finanzielle Bildungsmisere und die Neigung, alles, was mit Geld zu tun hat, an einen Dritten zu delegieren ist zwar ein Drama, sie führt uns jedoch zu einer Erkenntnis: Auch wenn du bisher mit Geld nicht so gut zurechtkommst – daran bist du nicht schuld!

Aber: Bitte tu dir den Gefallen und suche dir einen Mentor für den Bereich Geld in deinem Leben. Und wenn du es absolut nicht selbst machen möchtest, suche dir wenigstens einen Honorarberater, der nicht von deinen Provisionen lebt.

Über den Autor: Philipp J. Müller

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